Natur erleben

MOOR Momente

Einladung zum Tanz

Nach einem ersten Aufblitzen des Frühlings ist der Winter noch einmal zurückgekehrt. Nur zaghaft erscheinen die ersten Frühblüher und Frühsänger. Dies gilt besonders im Wurzacher Ried, wo die Temperaturen gewöhnlich noch etwas niedriger sind. Unter der Erde aber ist bereits einiges los.  Zu erkennen ist dies an den schwarz-braunen Erdhügeln, die nun vielerorts regelrecht aus dem Boden schießen. 

Ein Verursacher dieser Auswürfe ist der Europäische Maulwurf. Im Winter hatte er sich in tiefere Bodenschichten zurückgezogen und von einem angelegten Vorrat an Regenwürmern ernährt. Mit steigenden Temperaturen wird er nun zunehmend aktiver.
Der Begriff Maulwurf ist eine Umgestaltung vom althochdeutschen Wort muwerf, wobei der erste Wortteil mu identisch ist mit dem altenglischen muga oder muwa für Hügel. Der muwerf ist also ein Hügelwerfer. Im Laufe der Zeit wurde mu durch molt ersetzt, ein Begriff für Erde, so dass aus dem Hügelwerfer der moltwerf, also der Erdwerfer wurde. Molt wiederum wurde dann durch Maul ersetzt und ergab die heute gängige Bezeichnung. Im Schwäbischen gibt es jedoch zahlreiche Variationen, wie z.B. Schermaus, abgeleitet vom Schwäbischen Wort scherren, was so viel wie scharren oder graben bedeutet. Bei den Biologen hingegen ist Schermaus ein anderer Name für die Wühlmaus, die mit dem Maulwurf nicht verwandt ist, aber ebenfalls in unterirdischen Gängen lebt. Auch sie lagert beim Graben Erdhaufen an der Oberfläche ab. Wer von beiden den Hügel verursacht hat, kann man mit einer einfachen Methode herausfinden: Dazu schiebt man mit einem Spaten vorsichtig den Erdhaufen direkt über der Grasnarbe ab und sucht das Eingangsloch zum unterirdischen Gangsystem. Befindet es sich genau in der Mitte, handelt es sich um einen Maulwurf, der zudem nahezu symmetrische, vulkanartige Haufen auswirft, die häufig in regelmäßigen Abständen angelegt werden. Ist das Loch seitlich am Rande eines eher flacheren Erdhügels, der in unregelmäßigen Abständen zu weiteren Haufen auftritt, handelt es sich um eine Wühlmaus. 
Ob vulkanförmig oder länglich – die Erdhügel erregen bisweilen unseren Unmut, wenn sie im sorgsam angelegten Garten auftauchen. Nicht selten kommen dann Fallen, Ultraschall-Geräte oder so fantasievolle Hausmittel wie Buttermilch-Knoblauch-Mischungen oder tote Heringe zum Einsatz, deren Wirksamkeit unterschiedlich bewertet wird. Zu beachten ist dabei, dass der Maulwurf nach Bundesartenschutzverordnung und Bundesnaturschutzgesetz geschützt ist und weder gefangen, getötet noch gestört werden darf. Im Unterschied zur Wühlmaus hat der Maulwurf als Insektenfresser auch keinen Appetit auf Pflanzenwurzeln. Obendrein kann der aufgelockerte Erdhaufen gut an anderer Stelle im Garten eingesetzt werden. Auch bei der Wühlmaus muss man nicht gleich zu drastischen Maßnahmen greifen. Probieren Sie es doch mal mit Tanzen, denn regelmäßige Erschütterungen mögen die Tiere nicht. Tanzen bewirkt zudem Freude und vielleicht auch etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit unserer Tierwelt – und überzeugt möglicherweise die Tiere, es mal nebenan zu versuchen. 
 

 

 

MoorbirkeQuelle: pixabay

Der Baum der ersten Stunde

Als Pionierbaum haben sie nach der letzten Eiszeit die baumlosen Flächen wiederbesiedelt und die Vegetation mehrere tausend Jahre lang dominiert: Birken – sie sind Bäume der ersten Stunde. Durch ihre Blätterstreu haben sie den rohen Boden wieder fruchtbar gemacht und die Ansiedlung weiterer Baumarten ermöglicht. 

Ihr Name bedeutet hellschimmernd oder weißglänzend – und das ist sie auch: Die Birke, mit ihrem charakteristischsten Merkmal, der weißen Rinde. In jungen Jahren ist diese glatt, später dann zunehmend rissig und schwarz gefurcht. „Ich sah in bleicher Silberpracht der Birken Stämme prangen, als wäre dran aus heller Nacht das Mondlicht blieben hangen“ beschreibt Nikolaus von Lenau die Birke treffend. Die weiße Färbung entsteht durch die Einlagerung sogenannter Betulin-Kirstalle, die das einfallende Licht reflektieren und so den Baum vor Überhitzung schützen. Zudem macht das Betulin die Rinde gegenüber Nässe undurchlässig, schützt vor Fäulnis und Tierfraß. 

In Mitteleuropa gibt es zwei Birkenarten, die zu Baumgröße heranwachsen: Die Sand- oder Hängebirke, die rautenförmige, lang zugespitzte Blätter und an den Spitzen herabhängende Zweige besitzt. Die Moorbirke dagegen hat rundliche bis herzförmige, nur leicht zugespitzte und unterseits behaarte Blätter. Auch die jungen Zweige sind weich behaart, weshalb der Baum bisweilen auch Haarbirke genannt wird. Ihre Zweigspitzen sind nicht herabhängend. 
Mit den Menschen ist die Birke seit jeher eng verbunden. In der Altsteinzeit diente sie als Lieferant von Brenn- und Nutzholz. Da Birkenholz ätherisches Öl enthält, brennt es sogar, wenn es feucht ist. Das aus der Rinde gewonnen Birkenpech war ein gebräuchlicher Klebstoff und wurde zum Abdichten von Gefäßen und Booten genutzt. Später fertigte man aus der wasserundurchlässigen Rinde Abdeckungen für Häuser und Zelte, Schuhe, Hüte, Schmuck oder Schreibpapier. Auch in der Medizin spielte sie schon seit frühesten Zeiten eine Rolle: In der Wundheilung und bei chronischen Hauterkrankungen, bei Fieber oder Gicht. Viele der medizinischen Wirkungen sind inzwischen wissenschaftlich belegt.

Die Birke ist auch ein Baum des Neubeginns: Sie ist der erste Laubbaum, der im Frühling die Blätter austreibt, ihre leuchtend weiße Rinde symbolisiert das wiedererwachende Licht. Den Menschen in der Vorzeit schenkte sie Gewissheit, dass der Winter besiegt ist. Später wurde die Birke zum Wahrzeichen der Frühlingsfeste, ihre Frühlingskraft sollte Fruchtbarkeit und Gesundheit bringen. Besen aus Birkenreisig dienten zum Kehren, aber auch zur spirituellen Reinigung und Erneuerung: Mit Birkenbesen kehrte man das alte Jahr aus. Der Liebesmaien, ein Birkenstämmchen, das in der Nacht zum ersten Mai von jungen Burschen heimlich vor die Tür der Angebeteten gestellt wurde, galt als symbolischer Heiratsantrag. In manchen Gegenden ist dieses Birkenstellen noch heute Brauch.
Während Birken in Nord- und Osteuropa weiterhin zu den dominierenden Baumarten gehören, sind sie in Mitteleuropa heute fast nur noch an Extremstandorten zu finden. Die Moorbirke wurde kürzlich zum Baum des Jahres 2023 ernannt, um auf ihre besonderen Fähigkeiten aufmerksam zu machen: Toleranz gegen Frost, Wind und Überflutungen. Sie bevorzugt feuchtere Böden und ist überwiegend in Moor-, Bruch- und Auenwäldern zu finden. Damit ist sie bei uns ein relativ seltener Waldbaum. Ihre Wahl zum Baum des Jahres soll daher auch auf ihren Lebensraum Moor aufmerksam machen – auf dessen Bedrohung einerseits und die große Bedeutung für den Klimaschutz andererseits. Wieder einmal wird hier die große Bedeutung des Wurzacher Rieds sichtbar, das Lebensraum für die seltene Moorbirke ist. Bald wird sie wieder austreiben und das Ende des Winters verkünden – und durch das Leuchten der Blätter und Rinde hoffentlich auch bei Ihnen Frühlingsgefühle aufkommen lassen.
 

 

 

Kugelige TeufelskralleQuelle: NAZ

Im Ried, da geht der Teufel um…

Was wäre die schwäbisch-alemannische Fasnet ohne ihr typisches Häs mit den schaurig-schönen Masken? Dahinter stehen oft seit langer Zeit überlieferte und bisweilen ziemlich unheimliche Geschichten. Wie die Sage vom Ungeheuer im Schwindelsee, die von der Narrenzunft Unterschwarzach repräsentiert wird.

Der Schwindelsee befand sich früher im Richtung Haidgau gelegenen Teil des Wurzacher Rieds. Und wo könnte es unheimlicher sein als im Moor? Diese feuchten, düsteren Landschaften galten lange als Tor zur Unterwelt und Ort der Toten und des Teufels. Und diesem kann man im Wurzacher Ried auch heute noch an so mancher Stelle begegnen. In den randlichen Bruchwäldern zum Beispiel, wo sich die düstere Schwarzerle nahezu gespenstisch aus dem Wasser erhebt. Mehr als jede andere Baumart kann sie die Feuchtigkeit im Niedermoor tolerieren und war seinerzeit genauso verrufen wie ihr Lebensraum. Wenn Erlenholz bricht, dann verfärbt es sich leuchtend orange-rot. Denn der Teufel soll seine Großmutter im Streit so lange mit einer Erle geprügelt haben, bis diese blutete. Interessanterweise wurde der Teufelsbaum früher auch eingesetzt, um den beschriebenen Bösewicht zu vertreiben. Man wehrte sozusagen Ähnliches mit Ähnlichem ab. 

Teuflisch geht es auch auf den Wiesen im Niedermoor zu. Schon im zeitigen Frühjahr, wenn die Kugelige Teufelskralle ihre leuchtend lila Blüten der Sonne entgegenstreckt. Wie Krallen sind sie kugelförmig nach innen gebogen. Und später im Jahr muss man sich vor dem Teufelsabbiss in Acht nehmen, der mit seinen blasslila Blüten als einer der letzten Farbtupfer das Ried ziert. Hier muss man tiefer graben, um dem Namensgeheimnis auf die Spur zu kommen. Der Teufelsabbiss ist eine alte Heilpflanze und wurde früher u.a. innerlich bei Erkrankungen der Luftwege sowie äußerlich bei Wunden und Geschwüren eingesetzt. Der Teufel war über diese Heilwirkung, die ihm so manche Seele verwehrte, so erbost, dass er vor Wut in den Wurzelstock der Pflanze biss. Und tatsächlich: Gräbt man die Pflanze aus, lässt sich der Abbiss des Teufels deutlich erkennen, denn der Wurzelstock fault von der Spitze her langsam ab. 

Ist man bisher noch gut weggekommen, dann wehe dem, der dem Riedteufel begegnet. Von dunkler Gestalt streift er durchs Moor und funkelt bedrohlich mit blau leuchtenden Augen. Dadurch möchte er allerdings lediglich potenzielle Fressfeinde abschrecken, denn der Riedteufel ist ein Schmetterling aus der Unterfamilie der Augenfalter. Seine Flügel zieren dunkle Flecke mit hellblauem Kern, die beim Aufschlagen der Flügel blitzlichtartig gezeigt werden und so große Augen und damit eine große Gestalt vortäuschen. Blaukernauge oder Blauäugiger Waldportier wird der Falter auch genannt. Durch seine dunkle Grundfärbung ist er an die feuchtkalten Bedingungen im Moor gut angepasst. Die wärmenden Sonnenstrahlen werden optimal ausgenutzt, indem der Falter beim Sonnetanken mit weit ausgebreiteten Flügeln dasitzt, ein Verhalten, das für andere Augenfalter eher untypisch ist. Riedteufel durchstreifen schon seit der letzten Eiszeit die strukturreichen Niedermoorflächen von Moorgebieten. Durch zu intensive Nutzung dieser Lebensräume sind sie inzwischen jedoch stark gefährdet. Und so muss man den Riedteufel keineswegs fürchten, sondern darf sich im Gegenteil glücklich schätzen, wenn man im Wurzacher Ried einen Blick auf ihn erhaschen kann. In diesem Sinne: A glückselige Fasnet!

 

 

 

WacholderdrosselQuelle: pixabay
Achtung, hier wird scharf geschossen!

Moment mal, wo waren denn die Moor-Momente in den letzten Monaten? Zugegeben, die Sommerpause fiel etwas länger aus. Nun aber berichtet das Naturschutzzentrum wieder regelmäßig über die Tier- und Pflanzenwelt im Wurzacher Ried. Zum Start geht’s heute um eine Vogelart, die ihrem Namen alle Ehre macht. Beeren stehen jetzt im Winter ganz oben auf ihrem Speiseplan, und die Vorliebe für Wacholderbeeren verlieh der Wacholderdrossel ihren Namen. Und dazu auch eine besonders würzige Note ihres Fleisches, weshalb sie als eine der wohlschmeckendsten Vogelarten galt und in früheren Zeiten zu den Filetstücken der Vogelküche zählte. 

Wacholderdrosseln, aufgrund des alten Namens für Wacholder früher auch Krammetsvögel genannt, sind gesellige Tiere und streifen gerne in kleinen Gruppen umher. Auch diese Tatsache machte sie zu einem beliebten Jagdobjekt, denn man konnte auf einem Jagdzug gleich die Mahlzeit für eine ganze Gruppe erbeuten. Früher kamen die Vögel nur im Winter aus ihrer Ursprungsheimat in der Taiga nach Mitteleuropa und flogen gewissermaßen der Kälte voran. In der Oberpfalz wurde der Wintereinbruch erwartet, sobald sich die ersten Drosseln zwischen den Vogelbeeren zeigten. Heute ist die Art bei uns auch als Brutvogel heimisch, so dass sie ganzjährig beobachtet werden kann. Ein auffälliges „Schack Schack Schack“ verrät die Vögel meist schon, bevor man sie in den Baumkronen entdeckt hat. Doch auch die Färbung der etwa amselgroßen Vögel ist auffällig: Gelber Schnabel, grauer Kopf, ockerfarbene Brust. Die Flügel sind dunkelbraun, die Unterseite ist weiß mit dunklen, dreieckig geformten Flecken.

Der bevorzugte Lebensraum sind lichte Laub- und Mischwälder, Parks oder größere Gärten, Feldgehölze oder Alleen. Hier brütet die Art gerne in kleinen Kolonien und hat ein besonderes System der Feindabwehr entwickelt: Wagt sich etwa ein Greifvogel zu nah an das sensible Brutterritorium heran, wird er attackiert und dabei von einem Verteidigungstrupp zum nächsten weitergereicht. Mit lautstarken Scheinangriffen rückt ihm immer nur das unmittelbar betroffene Brutpaar zu Leibe, bis er aus deren Gebiet verjagt ist und die Nachbarn übernehmen. Eine effektive Technik, die zudem verhindert, dass zu viele Gelege gleichzeitig unbeaufsichtigt sind. Potenzielle Angreifer werden dabei zunächst halbwegs freundlich, danach auch zunehmend vehementer, aus dem Brutgebiet eskortiert. Dabei wird mitunter scharf geschossen, denn die Drosseln bombardieren den Angreifer gezielt mit ihrem aggressiven Kot. Im schlimmsten Fall kann dieser aufgrund des verklebten Gefieders eine Weile nicht mehr fliegen.

Besser, man kommt auch als Mensch einer Brutkolonie nicht allzu nahe. Im Winter lassen sich die Vögel aber risikolos beobachten. Achten Sie auf das Schackern und richten Sie dann den Blick auf Bäume und Büsche oder auf nahrungssuchende Trupps auf Wiesenflächen. Viel Erfolg! 
 

 

Das Naturschutzzentrum präsentiert unter der Rubrik „Moor-Momente“ regelmäßig Spannendes und Unterhaltsames aus der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt des Wurzacher Rieds. Dabei werden Arten vorgestellt, die die Besucher aktuell im Ried antreffen können.  
 

 

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