Und sie fliegen doch!
Hummeln können eigentlich gar nicht fliegen. Das wurde ihnen zumindest langen Zeit nachgesagt. Inzwischen ist der als Hummel-Paradoxon bekannte Mythos allerdings widerlegt. Es handelte sich schlichtweg um einen Rechenfehler, da die im Verhältnis zur Körpergröße der Hummel sehr kleinen Flügel fälschlicherweise als steif angesehen wurden.
Heute weiß man, dass Hummeln extrem schnelle, kreisförmige Flügelbewegungen vollführen. Die dadurch entstehenden Luftwirbel erzeugen einen Unterdruck, der die Tiere in die Luft hebt. Somit können Hummeln auch nach physikalischen Gesetzen ganz unbesorgt weiterfliegen. Das tun sie auch, und zwar als eine der ersten Insekten, die nach dem Winter beobachtet werden können. Insbesondere die dicken Erdhummeln zählen zu den ersten Frühlingsboten der Tierwelt. Es sind die Jungköniginnen, die im Vorjahr geschlüpft sind und die kalte Jahreszeit an einem geschützten Ort überdauert haben. Nun sind sie auf der Suche nach Blütennektar. Dabei sind sie auch bei Temperaturen unterwegs, bei denen die Honigbiene noch lange nicht ihren Bienenstock verlässt. Ein dichter Haarpelz, der den gesamten Hummelkörper umgibt, sowie starkes Zittern mit der kräftigen Flugmuskulatur sorgen für die nötige Wärme im Hummelkörper.
Bald schon beginnen die jungen Hummelköniginnen mit der Suche nach einem geeigneten Platz für ihr Nest. Zunächst müssen sie alle Arbeiten alleine erledigen: Waben bauen, Eier legen, Larven füttern. Erst nachdem die ersten Arbeiterinnen geschlüpft sind, übernehmen diese die Aufgaben im Hummelvolk. Die Königin verlässt das Nest nun nicht mehr, sondern beschränkt sich auf das Eierlegen. Im Herbst stirbt dann das gesamte Hummelvolk ab. Nur eine neue Generation Jungköniginnen überlebt, die im folgenden Jahr die neuen Hummelvölker gründet.
Hummeln benötigen im Laufe einer Saison viel Nektar. Um diesen auch in tiefen Blüten zu erreichen, haben die Tiere eine besonders lange Zunge. Und einen besonderen Trick: Blüten mit schmalem Eingang, durch den der große Hummelkörper nicht hindurch passt, werden kurzerhand von hinten aufgebissen. Ansonsten sind Hummeln aber äußerst friedliche Wesen. Sie haben zwar einen Giftstachel, stechen aber nur, wenn sie sich bedroht fühlen oder eingeklemmt werden. Sieht eine Hummel einen möglichen Angreifer nahen, so streckt sie ein oder zwei Beine in die Höhe und signalisiert, dass sie abwehrbereit ist. Wenn man dieses Signal beachtet, kann man Hummeln auch aus nächster Nähe unbesorgt beobachten. Und wenn Sie schon einmal so nah dran sind an einer Hummel: Machen Sie gerne ein Foto und schicken es an naturschutzzentrum@wurzacher-ried.de. Wir veröffentlichen es im Rahmen unserer aktuellen Hummelausstellung im Gewölbegang von Maria Rosengarten. Viel Spaß.
Quelle: NAZ
Im Liebeswahn
Mit den länger werdenden Tagen erwacht auch die Natur langsam aus der Winterzeit. Das Konzert der Vogelstimmen ist aktuell noch zaghaft, doch nach und nach stimmen immer mehr Vogelarten mit ein. Nicht mehr lange, dann flöten auch die Amselmännchen wieder lauthals ihre Melodie.
Tü-dü, dü lü-dü ertönt es dann hoch oben von Dächern, Bäumen oder Sträuchern. Häufig singen mehrere Männchen im Wechsel und versuchen, sich von benachbarten Singwarten aus gegenseitig mit ihrer Gesangsdarbietung zu übertreffen. Der orangegelbe Schnabel und gleichfarbige Augenring der Amselhähne leuchten nun besonders kräftig und bilden einen starken Kontrast zum pechschwarzen, glänzenden Gefieder, das dem Vogel auch den Namen Schwarzdrossel eingebracht hat. Laut Literatur gehört das Amsellied – neben dem Gesang der Nachtigall - „zum Besten, was aus mitteleuropäischen Bäumen und Gebüschen zu hören ist“. Allerdings darf man die Klänge nicht zu früh im Jahr vernehmen, denn laut Volksmund führt dies zu einem erneuten Wintereinbruch mit Spätfrösten und dem Erfrieren von Aussaaten. Und so schön die Flötentöne in unseren Ohren auch sein mögen, sie sind doch eine klare Botschaft an konkurrierende Amselmänner: „Hau ab, hier ist mein Revier“.
Die Paarungszeit ist für Amselmännchen eine anstrengende Sache. Das Gewinnen eines Weibchens und die Verteidigung eines Revieres fordern jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit. Besonders bei letzterem verstehen sie keinen Spaß und liefern sich mit Rivalen wilde Verfolgungsjagden mit rasanten Flugmanövern. Jetzt heißt es für Autofahrer in den frühen Morgenstunden aufgepasst, denn die liebestollen Amseln haben keine Zeit, auf den Straßenverkehr zu achten.
Nicht immer hat die Amsel ihr Lied im Siedlungsraum erklingen lassen. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war sie ein scheuer Waldvogel und hat sich erst seit dieser Zeit schrittweise in die menschliche Nähe vorgewagt. Die Amsel ist also ein typischer Kulturfolger. Ihre Anpassungsfähigkeit beruht auf einem breiten Nahrungsspektrum, der Flexibilität bei der Nistplatzwahl sowie dem schnellen Ablegen von Scheu. Ihr Wagnis, den schützenden Wald gegen Gärten und Parks einzutauschen, wird insbesondere im Winter belohnt, denn zwischen Gebäuden ist es deutlich wärmer und an Futterhäuschen ist der Tisch reich gedeckt. Und wir Menschen wiederum werden mit den zauberhaften Melodien belohnt, die noch vor Sonnenaufgang unsere Herzen erfreuen. Vogelgesang hebt nachweislich die Stimmung, hilft zu entspannen und spendet uns neue Energie – eine Gratis-Wellness-Behandlung für die Seele. Lassen sie sich einfach mal darauf ein.
Quelle: NAZ
Gekürte Eiskönigin
Neues Jahr, neue Moor-Momente – mit einer Tiergruppe, die für den Winter höchst ungewöhnlich ist. Denn Libellen verbindet man gewöhnlich mit der warmen Jahreszeit, wenn sie uns an nahezu jedem Gewässer mit ihrer Farbenpracht und Flugakrobatik verzaubern. Doch es gibt eine Ausnahme – die Winterlibellen.
Der Name deutet es bereits an: Winterlibellen gibt es auch im Winter! Die beiden Arten „Gemeine Winterlibelle“ und ihre seltenere und nur an kleinen Unterschieden in der Brustzeichnung zu unterscheidende Schwester die „Sibirische Winterlibelle“ überwintern als einzige unter den europäischen Libellenarten als erwachsene Flugtiere. Alle anderen Libellen sterben spätestens bei den ersten Frösten. Nur die Eier oder Larven überdauern den Winter am Gewässergrund oder im Uferboden und bringen im nächsten Frühjahr die neue geflügelte Generation hervor. Die Überwinterung als Flugtiere ist eine bemerkenswerte Leistung der Winterlibellen, denn als wechselwarme Tiere nehmen sie nahezu die Umgebungstemperatur an. Zudem sind sie als Nahrung auf andere Insekten angewiesen, die es im Winter nur spärlich gibt. Daher verbringen Winterlibellen einen Großteil des Winters bewegungslos an geschützten Orten in der Vegetation. Mit ihrer hellbraunen Grundfarbe und den dunkelbraunen, kupferschimmernden Mustern auf der Oberseite sind die schlanken Tiere auf dürren oder abgestorbenen Pflanzenteilen perfekt getarnt und kaum zu erkennen. An Frosttagen können sich an den Körpern der Tiere sogar Eiskristalle bilden und gelegentlich lassen sich die Winterlibellen auch einschneien. Laut Literatur können sie dabei Temperaturen bis minus 17 °C überstehen – unsereins kommt da selbst in dickster Winterkleidung schnell an die Grenzen. In milden Winterphasen werden die Tiere zeitweise aktiv und fliegen, jagen und fressen. An sonnigen Tagen kann man sie dann mit viel Glück auch im Wurzacher Ried beobachten, wo beide Arten vorkommen. Im Frühjahr erscheinen Winterlibellen als erste Libellen an Gewässern, wo sie sich paaren und Eier ablegen. Aus den Larven schlüpfen nach nur zwei bis drei Monaten die neuen Flugtiere, die sich dann erst im folgenden Jahr fortpflanzen. Die Überwinterer sterben im Juni oder Juli im Alter von ca. 12 Monaten ab. Damit haben sie die längste Lebensspanne erwachsener Libellen in Europa.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Gesellschaft der deutschsprachigen Odonatologen (GdO) haben die Gemeine Winterlibelle kürzlich zur Libelle des Jahres 2026 gekürt. Zwar ist sie, anders als mehr als die Hälfte der heimischen Libellenarten, aktuell nicht gefährdet. Sie soll durch ihre Wahl darauf aufmerksam machen, dass Libellen nicht nur auf geeignete Fortpflanzungsgewässer angewiesen sind, sondern auch verschiedenste Landlebensräume nutzen. Sie sind daher ganz besonders auf die Vernetzung naturnaher Gewässer und auf die Möglichkeit, weitere geeignete Biotopstrukturen im Umfeld erreichen zu können, angewiesen. Es spricht für das Wurzacher Ried, dass beide Winterlibellen-Arten hier beheimatet sind, auch wenn sie nur schwer zu entdecken sind. Aber eines ist sicher: Wenn Sie auf ihrem winterlichen Riedspaziergang eine Libelle fliegen sehen, ist es gewiss eine Winterlibelle.
Das Naturschutzzentrum präsentiert unter der Rubrik „Moor-Momente“ regelmäßig Spannendes und Unterhaltsames aus der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt des Wurzacher Rieds. Dabei werden Arten vorgestellt, die die Besucher aktuell im Ried antreffen können.